Track Tipps | Ideallinie Nürburgring-Nordschleife: Bergwerk bis Steilstrecke

Auf jeder Rennstrecke gibt es ein paar Streckenabschnitte, die entweder besonders wichtig für eine schnelle Rundenzeit oder besonders knifflig zu fahren sind. In unserer Serie „Track Tipps“ stellen wir einige der spannendsten und wichtigsten Sektoren vor. Heute kümmern wir uns um die Nürburgring-Nordschleife. Genauer: Den Vollgas-Abschnitt zwischen Bergwerk und Steilstrecke!

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Die Passage Bergwerk bis Steilstrecke ist ultraschnell und es geht ordentlich bergauf. Mit vielen Autos ist man bis zur Mutkurve voll am Gas. Jeder verschenkte km/h Speed am Anfang dieses Abschnitts wird hier besonders bestraft. Daher: Volle Konzentration ab Bergwerk!

Schlüsselstelle Bergwerk?

Doch wie wichtig die Bergwerkkurve tatsächlich ist, ist nicht zuletzt fahrerspezifisch und hängt von mehreren Faktoren ab: Fahrzeugleistung, Grip, Streckenkenntnis und eben auch vom fahrerischen Level.

„Wer bis zur Mutkurve voll „auf dem Pin“ stehen kann“, für den ist das Bergwerk eine Schlüsselstelle, erklärt Ex-Rennfahrer und Coach. „Muss man aber bereits in den seichten Linkskurven am Bergaufstück nach Bergwerk lupfen, so vergessen wir lieber die besondere Bedeutsamkeit des Bergwerks. Diese Erkenntnis ist vital, denn sie kann einem eine Menge Druck nehmen“. Und: Nur wenn nach einer Schlüsselstelle ein ausreichend langes Vollgasstück folgt, das auch wirklich ausgenutzt werden kann, „lohnt“ es sich, an der Schlüsselstelle womöglich etwas Eingangsgeschwindigkeit zu opfern, um am Ausgang optimal schnell zu sein.

Maßgeblich ist hier, wo sich die persönliche Synchronisierungsstelle befindet. „Das ist die Stelle, ab der alle Fahrvarianten wieder bei derselben Ortsgeschwindigkeit landen, ganz gleich, wie die Fahrtechnik vor der Synchronisierungsstelle aussah“, erklärt Markus.

Im Falle Bergwerk können das vier Bereiche sein: die seichten Linkskurven nach Bergwerk, die schnelle Kesselchen-Linkskurve, das Geschlängel vor der Mutkurve und die Mutkurve.

Markus verrät: „Meine Erfahrung aus dem 1:1 Coaching: Wenn das Kesselchen voll geht, dann lohnt es sich auf jeden Fall, das Bergwerk als Opferstelle anzugehen und optimal rauszukommen. Oft auch schon, wenn es nur gelingt, die Linkskurven vor dem Kesselchen voll zu fahren.“

Bergwerk

Markus Gedlich: „Die Bergwerkskurve ist deshalb so schwierig anzufahren, weil man wenig Orientierung hat. Meine Empfehlung: Links befindet sich ein Grasrasterstein. Auf der Hälfte dieses Steins befindet sich der Einlenkpunkt. Allerdings findet man den Rasterstein ganz schlecht, denn er fügt sich grau-in-grau in die Umgebung ein und am Bergwerk ist es meistens schattig (deshalb dauert es hier auch immer sehr lange, bis es abtrocknet). Hat man ihn aber einmal gefunden (am besten in der ersten Besichtigungsrunde langsam dran vorbeifahren und bewusst suchen!), dann findet man ihn auch bei schneller Fahrt immer wieder. Wichtig: Bergwerk von ganz links außen anfahren, dazu kann man gerade bremsend auf den genannten Einlenkpunkt zusteuern.“

„Am Scheitelpunkt sollte man unbedingt ganz innen sein, um für´s Raustragenlassen und Gasgeben soviel Platz wie möglich zu haben. Am Ausgang des Bergwerks den Punkt suchen, ab dem man voll auf´s Gas kann und nicht mehr runter muss. Lieber einen Tick später auf´s Gas, aber so, dass man nicht mehr lupfen muss. Spät noch einmal lupfen zu müssen, das macht einem den ganzen Speed kaputt.“

„In den nachfolgenden Linkskurven hält man sich tendenziell links und versucht, diese mit einem gleichmäßigen Lenkeinschlag zu fahren. Der linke Fahrbahnrand kommt einem immer wieder nahe und entfernt sich wieder. Wenn man das kleine weiße Streckenpostenschild „128“ sieht, lässt man sich sanft nach rechts rübertragen, denn die Linkskurven sind vorbei und es ist Zeit, sich auf´s Kesselchen vorzubereiten.“

Kesselchen

„Das Kesselchen ist für mich die eigentliche Mutkurve. Man muss es unheimlich früh anfahren und es gibt für den Einlenkpunkt keinen Referenzpunkt. Aber es gibt ein Hilfsmittel: Schon am Eingang ganz weit zum Ausgang schauen, dann fällt es einem leichter, auf natürliche Weise den Kurvenverlauf einzuschätzen und somit aus der Kurve einen möglichst weiten Bogen zu machen. Häufigster Fehler im Kesselchen ist, sich nicht weit genug heraustragen zu lassen. Nur wenn man sich am Kurveneingang schon vornimmt, sich am Ausgang bis kurz vor die weisse Linie raustragen zu lassen, fährt man automatisch mit wenig Lenkeinschlag den weitestmöglichen Bogen und ist somit besonders sicher unterwegs.“

Klostertal

„Weiter geht´s mit Vollgas zum Klostertal-Geschlängel vor der Mutkurve. Dieses hat es deshalb in sich, weil man es am Eingang nicht optimal sieht, es rechts und links stramme Curbs hat und zudem in der Straßenneigung von rechts auf links stark wechselt. Das bringt Bewegung ins Auto. Am besten begradigt man die beiden Kurven, indem man die Curbs als Peilhilfe nimmt und mit möglichst wenig Lenken beide gerade eben nicht berührt. Dabei das Gas halten, um Druck auf der Hinterachse zu behalten. Das macht schnell und sicher zugleich.“

Mutkurve

„Jetzt kommt sie, die Mutkurve. Warum eigentlich Mutkurve? Der Name kommt daher, weil man am Ausgang fast immer glaubt, man hätte auch locker noch etwas schneller hindurchfahren können (man hat sich aber nicht getraut). Eigentlich ist das aber nicht so. Lediglich die Sicht auf den Ausgang ist durch die Topographie des Geländes so obstruiert, dass es am Eingang keine Einschätzung für das Gesamtgebilde der Kurve gibt. Die Lösung ist gar nicht so schwierig: man fährt die Mutkurve im vierten Gang durch (muss also i.d.R. in der Annäherungsphase einmal runterschalten) und lenkt sie ziemlich exakt Ende des langen Grasrastersteins auf der rechten Seite ein. Danach gleich wieder fest auf´s Gas, denn es geht sehr, sehr steil bergauf. Hier nur Viertel- oder Halbgas zu fahren, bedeutet, dass man laufend langsamer wird. Am Ausgang befindet sich übrigens wieder ein breiter Rasterstein, den man schon auch mal in die Fahrlinie einbeziehen kann, sollte es eng werden.“

„Danach kommt eine kleine Kuppe und eine nachfolgende Rechtskurve, beides im vierten, je nach Übersetzung auch im fünften Ganz zu fahren. Man nähert sich von der Mitte an und bewegt das Auto etwa auf Höhe der Kuppe nach links rüber. Der Referenzpunkt für´s Einlenken in die Rechte ist ungewöhnlich – kein optischer Referenzpunkt dient zur Orientierung, sondern man lenkt ein, wenn das Auto nach der Kuppe wieder volle Last auf den Rädern hat. Das klappt super, wenn man es mal versucht hat! Auch hier nach dem Einlenken gleich wieder auf´s Gas, um der Hinterachse Duck und somit Grip zu geben.“


Markus Gedlich veranstaltet mit seinem Unternehmen „Gedlich Racing“ Trackdays in ganz Europa, unter anderem auf dem Circuito Ascari und auf dem brandneuen Circuito Espana. Als Tourenwagen- und GT-Rennfahrer setzt er bei seinen Events einen besonderen Schwerpunkt auf intensive 1:1-Fahrercoachings.

Auf Trackdaysport.de gibt Markus als Fahrdynamik-Experte zusammen mit Moritz Nolte regelmäßig Tipps und Tricks zur Fahrtechnik.